YOUR NAME.


FILMKRITIK:

Mitsuha scheint zunächst wie ein ganz normaler Teenager, der sich und seine Identität während der nicht immer einfachen Pubertät erst noch finden muss. Zusammen mit ihrer kleinen Schwester und der Großmutter wächst sie wohlbehütet in einer ländlichen Idylle fernab der modernen, japanischen Mega-Cities auf. Aber das ist schon eines ihrer Probleme. Das Landleben langweilt sie. Stattdessen zieht es sie in ihren (Tag-)Träumen immer wieder nach Tokio. Doch bei einem Traum bleibt es nicht. Sehr real fühlt es sich für Mitsuha an, als sie plötzlich im Körper eines in etwa gleichaltrigen Jungen durch die Millionen-Metropole läuft. Taki, so der Name ihres neuen Ichs, erlebt spiegelbildlich exakt das Gleiche. Statt in Tokio wacht er eines Morgens als Mitsuha bei deren Familie auf dem Land auf. Irgendwann ahnen beide, dass das Leben des Anderen tatsächlich nicht bloß ein Traum sein könnte. Sie beginnen, sich gegenseitig Nachrichten zu schreiben und so ihre Erlebnisse im Körper des Anderen zu teilen.

Das Grundgerüst von „Your Name“ klingt nach einem typischen Bodyswitch-Plot, hier verpackt in die Bildsprache einen japanischen Anime mit zusätzlichen Coming-of-Age-Elementen. Allerdings sollte man sich von der zugegeben oftmals zuckersüßen Verpackung und der Idee des anfangs rätselhaften Körpertauschs in die Irre führen lassen. Weder ist Makoto Shinkais eigene Romanverfilmung eine japanische Zeichentrick-Version von „Freaky Friday“ noch ein harmloser Kinderfilm ohne Tiefgang. Wie schon in seinem viel beachteten Vorgänger „5 Centimeters per Second“ begibt sich das japanische Multitalent – Shinkai ist Autor, Animationskünstler, Regisseur und Grafiker – auf die Suche nach geradezu existenziellen Fragen, die jeden Menschen irgendwann einmal beschäftigen. Es ist eine Suche nach einem höheren Sinn, nach Liebe und nach dem eigenen Platz in der Welt. Hinzu kommen die aus Coming-of-Age-Geschichten bekannten Identitätsfragen, die eng mit der Entdeckung der eigenen Sexualität verknüpft sind.

All dies findet sich in „Your Name“, wobei das Können Shinkais vor allem darin zum Ausdruck kommt, wie spielerisch er die einzelnen Teile zusammensetzt. Sein Film, der durchaus ein Grenzgänger zwischen verschiedenen Genres ist, zwischen Coming-of-Age und Fantasy, zwischen klassischem Anime und Science-Fiction, arbeitet mit unschuldigem Humor und Emotionen, die überall verstanden werden. Selbst wenn man sein Konstrukt recht bald durchschaut, schmälert das nicht den Sehgenuss. Der unverwechselbare, japanische Animationsstil, wie ihn auch ein Hayao Miyazaki mit seinem Studio Ghibli in die Welt exportierte, trifft bei Shinkai auf einen geradezu magischen Realismus. Wer schon einmal in Tokio war, wird einzelne Orte, Straßen und Gebäude wiedererkennen. Sogar das Design der Apps auf Takis und Mitsuhas Smartphone ist genau durchdacht.

Sind die Figuren und mit ihnen die Bodyswitch-Logik erst einmal etabliert, schwenkt der Plot auf eine neue Dramaturgie ein. Plötzlich befinden wir uns in einem Katastrophenfilm, dessen Motive und Bilder mitunter denen der Atom-Katastrophe von Fukushima ähneln. In diesem Zusammenhang blendet Shinkai die dunklen und ernsten Momente keinesfalls aus. Spätestens dann zeigt sich, dass „Your Name“ auch ein erwachsenes Publikum anspricht. Der mittlerweile erfolgreichste Anime aller Zeiten hat zudem längst Hollywood infiziert. „Star Wars“-Regisseur J.J. Abrams kündigte bereits an, ein Realfilm-Remake produzieren zu wollen. Tatsächlich bietet die Story mit zwei namhaften Hauptdarstellern nahezu perfektes Blockbuster-Material. Ob sich die großbudgetierte Neuauflage aber den Charme, das Naive und Unschuldige von Shinkais Vision bewahren kann, darf zumindest bezweifelt werden.

Marcus Wessel