THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI


FILMKRITIK:

Mc Dormand spielt Mildred, eine resolute Frau, eigenständig, aber auch ein wenig verbittert, aus gutem Grund, wie man bald erfährt. Denn vor einigen Monaten ist ihre Tochter vergewaltigt und ermordet worden, doch der Täter ist noch nicht gefasst. Nachlässigkeit und Desinteresse wirft Mildred der Polizei vor, allen voran dem Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson), den sie nun persönlich angreift: Auf drei riesigen Werbetafeln außerhalb der Ortschaft lässt sie Botschaften plakatieren, fragt den Sheriff direkt, warum der Mörder ihrer Tochter noch frei herumläuft.


Mitten in ein Wespennest hat Mildred damit gestochen, verstößt gegen ungeschriebene Regeln der Gemeinschaft und bringt vor allem den jungen Polizisten Dixon (Sam Rockwell) zur Weißglut, der ebenso unbeherrscht wie rassistisch ist. Sheriff Bill dagegen erweist sich als besonnener Mann, der es ganz ehrlich bedauert, den Täter trotz aller Ermittlungen nicht gefasst zu haben. Dass er zu allem Überfluss an Krebs im Endstadium leidet, interessiert Mildred jedoch nicht, ihr Verlangen nach dem, was sie für Gerechtigkeit hält kennt keine Grenzen und auch keine Gnade.


Man mag Mildred und Dixon als zwei Seiten einer Medaille sehen, als Auswüchse des amerikanischen Herzlandes, die auf jeweils eigene, im Kern aber doch sehr ähnliche Weise, ihre Werte vertreten. Es ist nun die größte Stärke von Martin McDonaghs Film, seinen beiden Hauptfiguren gleichermaßen unsympathische Charakterzüge zuzuschreiben, sie aber doch nachvollziehbar, ja, menschlich wirken zu lassen.


Besonders gilt das natürlich für Mildred, der als Mutter einer brutal ermordeten Tochter zunächst die Sympathien gehören. Doch ihre unbarmherzige, gar zynische Art, lässt ihren anfangs noch nachvollziehbaren Wunsch nach Gerechtigkeit bald als Obsession erscheinen, die nicht so weit vom Verhalten Dixons entfernt ist. Dieser wiederum wirkt anfangs wie ein typischer rassistischer Hinterwäldler, der lieber seine Fäuste sprechen lässt, als nachzudenken. Doch mehr und mehr wird Dixons Verhalten vielleicht nicht unbedingt nachvollziehbar, aber doch als Produkt seiner Umgebung erkennbar. Was seine gewalttätigen Ausbrüche zwar nicht entschuldigen, sie aber doch als Teil einer verrohten Kultur wirken lassen.


Doch so vielschichtig dieser Blick auf die Strukturen der amerikanischen Gesellschaft ist, untergräbt McDonagh seinen Ansatz immer wieder durch seine Lust an ironischen Sprüchen und plakativer Gewalt. Mit diesen beiden Stilmitteln hatte er in seinem Debüt „Brügge sehen....und sterben?“ beeindruckt, doch diese Gangstergeschichte hatte nie den Anspruch von Realismus erhoben sondern gefiel sich ganz darin, eine Phantasie zu sein. Der Nachfolger „7 Psychos“ war da schon problematischer und artete zunehmend aus. Nun also „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“, so deutlich wie noch nie bei McDonagh in der Realität angesiedelt, ein Versuch, Themen filmisch zu verhandeln, die in den letzten Monaten und Jahren in Amerika zunehmend diskutiert wurden. Doch diese Ernsthaftigkeit kollidiert oft mit einer fast voyeuristisch anmutenden Lust an brillant gefilmten Momenten exzessiver Gewalt, die mehr ein filmisches Muskelspiel sind, als ernsthaft zu verstören. Zu seinem Glück hat McDonagh jedoch hervorragende Schauspieler gecastet, Sam Rockwell, Woody Harrelson und vor allem Frances McDormand, die ihren Rollen Ambivalenz und Vielschichtigkeit verleihen, die die Regie bisweilen vermissen lässt.


Michael Meyns