SHAPE OF WATER - DAS FLÜSTERN DES WASSERS


FILMKRITIK:

„Echte Männer waschen ihre Hände bevor sie auf die Toilette gehen und nicht danach!“ – findet zumindest Sicherheitschef Richard Strickland (Michael Shannon). Von Mitarbeitern und der eigenen Ehefrau ist der Macho gleichermaßen gefürchtet, als Zeichen seiner Macht trägt der Agent neben seinem Revolver einen elektrischen Schlagstock stets bei sich. Den setzt er auch immer wieder gerne ein, zum Beispiel um jenes Amphibienwesen in Schach zu halten. Höchstpersönlich hat Strickland den Fischmann aus dem Amazonas gefischt und in einem Wassertank in ein geheimes Forschungslabor der US-Armee in Baltimore gebracht. Für die Sauberkeit im Occam Aerospace Research Centre sorgen die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) sowie ihre schwarze Freundin Zelda (Octavia Spencer).


Elisa wohnt über einem prachtvollen Lichtspieltheater, dessen Musical-Filme freilich kaum Zuschauer finden. Einsam geht es ebenfalls im Leben der Heldin zu. Außer ihrer Kollegin hat Elisa nur den älteren Nachbarn Gilles (Richard Jenkis) zum Freund, einen arbeitslosen Werbegrafiker, der sein Schwulsein sehr unauffällig lebt. Nach einem völlig harmlosen Flirt mit einem Kellner, fliegt der sensible Gilles aus dem Lokal: „Das ist ein Familienrestaurant!“ tobt der Ober, der zuvor schon einer Gruppe Afroamerikaner ähnlich rüde den Zugang verweigerte.


Das langweilige Leben der Elisa Esposito wird sich schlagartig ändern, als sie mit ihrer Kollegin das blutverschmierte Labor der Forschungsstation reinigen soll. Die beiden abgerissenen Finger, die sich Putzwasser finden, bringen die Reinigungskraft kaum aus der Ruhe. Als Elisa allerdings den Amphibienmann in seinem Wassertank entdeckt, ist es sofort um sie geschehen. Wenig später kehrt sie heimlich in das Labor zurück, um das aquatische Wesen mit hartgekochten Eiern aus der Reserve und seinem Becken zu locken. Der Wassermann beißt prompt an und lernt gleich dazu noch die Gebärdensprache. Elisa ist entzückt, nicht nur mit Eiern versorgt sie fortan das sanfte Monster, sondern spielt ihm zudem Schallplatten auf dem Grammophon vor.


Der Beginn dieser wunderbaren Freundschaft wird abrupt gestört, als Strickland seinen Gefangenen äußerst brutal malträtiert. In Gefahr und größter Not wächst die zierliche Putzfrau prompt über sich hinaus. Mit Hilfe ihrer resoluten Kollegin, des sensiblen Nachbarn sowie eines russischen Spions (!) wird der Amphibienmann aus den Klauen des US-Militärs befreit. Das Happy End ist jedoch längst nicht sicher. Agent Strickland tobt vor Wut und will Vergeltung – nicht nur, weil sein nagelneuer Cadillac nun ziemlich lädiert ist.


Mit „Hellboy“, „Crimson Peak“ und vor allem dem dreifach mit dem Oscar gekürten „Pans Labyrinth“ hat Guillermo del Toro sein überbordendes Fabuliertalent im Fantasy-Film famos unter Beweis bestellt. Mit diesem Werk habe er nun erstmals, wie er stolz bekennt, jene Monster-Ängste seiner Kindheit hinter sich gelassen. Er hat ein Märchen erdacht und inszeniert, dessen pure Poesie alle Kitsch-Klippen mit erstaunlicher Eleganz souverän umschifft. Seine psychologisch plausibel entworfenen Figuren haben spürbar Herz und Seele. Wie in jedem guten Märchen sind die Rollen klar verteilt. Den Schönen, Guten, Wahren wird jedes Glück gegönnt, den miesen Unmenschen mag getrost der Teufel holen – zumindest zwei seiner Finger!


All das bekommt seinen ganz besonderen Mehrwert, weil die „Es war einmal“-Geschichte zeitlos aktuell ist. Selbstherrliche Macht-Zombies à la Strickland haben den Kalten Krieg bestens überlebt, lediglich die „Cadillac First“-Parolen sind leicht variiert. Auch jenen homophoben, rassistischen Kellner wird man noch heute problemlos überall finden. So klar die Gesellschaftskritik, so dezent wird sie verpackt. Plakatives Botschaftskino braucht schließlich kein Mensch.


Mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Michael Stuhlbarg und Octavia Spencer präsentiert sich ein exzellentes Ensemble. Nicht zu vergessen Doug Jones als Amphibienmann, der dieser Kreatur so überzeugend menschliche Züge verleiht wie sein berühmter Masken-Kollege Andy „Gollum“ Serkis.


Als Sahnehäubchen erweist sich einmal mehr der Score von Alexandre Desplat. Der Franzose wurde für seine Kompositionen schon achtfach für den Oscar nominiert. Für „Grand Budapest Hotel“ bekam er die Auszeichnung. Das dürfte sich diesmal wiederholen. Er wird gewiss nicht der einzige sein, der sich Academy Awards-Hoffnungen machen kann.


Dieter Oßwald