MUSTANG



FILMKRITIK:

An der türkischen Schwarzmeerküste, in der Nähe von Trabzon leben fünf Schwestern bei ihrer Großmutter. Die Eltern sind schon lange tot, was den Zusammenhalt der etwa zwischen 11- und 17jährigen Mädchen noch stärker macht. Bislang hat das Quintett ein freies, unbeschwertes Leben geführt, doch langsam werden sie erwachsen, langsam werden sie zu Frauen und so werden die unbeschwerten Spiele mit den Jungs des Dorfes zunehmend zum Problem. Zumindest für die meist erzkonservative Dorfgemeinschaft und vor allem den Onkel der Mädchen.

Dieser wirft ihnen vor, sich wie Huren an die jungen Männer heranzuschmeißen und beginnt das Haus der Großmutter nach und nach zu einer Art Gefängnis auszubauen: Immer höher wird die Mauer, bald werden Gitter vor die Fenster gebaut, die Überwachung der Mädchen wird immer größer. Zudem sollen sie nach und nach verheiratet werden: Zunächst ist die älteste dran, Sonay, die sich weigert, jemand anderen zu heiraten als ihren Freund. Während ihr dieser Wunsch noch gewährt wird, muss Selma einen vom Onkel ausgewählten Jungen heiraten. Bald sind Ece und Nur an der Reihe, die auf teils drastische Weise eine Zwangsheirat verhindern wollen. Am Ende bleibt die jüngste der Schwestern übrig: Lale, die das Schicksal ihrer Schwester mit immer größerem Entsetzen beobachtet hat und allen Mut zusammennimmt, um der archaischen Dorfwelt zu entkommen.

Inhaltlich folgt Deniz Gamze Ergüven klassischen Mustern des Arthouse-Kino, das immer wieder gerne einen Blick auf die Zustände konservativer, archaischer Gesellschaften wirft und diese dem freien, liberalen Leben im Westen gegenüberstellt. Über weite Strecken bewegt sich "Mustang" in diesen Mustern und scheint vor allem darum bemüht, die Vorurteile eines westlichen Publikums zu bestätigen. Es ist dann vor allem die Zeichnung der diversen Frauenfiguren, die zu einem komplexeren Blick auf die türkische Gesellschaft führt: nicht nur die Solidarität der Schwestern ist hier gemeint, sondern auch die der Großmutter und anderer älterer Frauen, deren ambivalente Haltung auf interessante Weise geschildert wird. Vordergründig scheinen sie zwar den Männern zuzustimmen, doch wenn es darauf ankommt, die Schwester vor (noch) schlimmeren Bestrafungen zu schützen, merkt man, dass die älteren Frauen Verständnis für das Aufbegehren der jungen Generation haben, die nach Freiheiten verlangen, die der Großmutter Zeit ihres Lebens verwehrt geblieben ist.

Was "Mustang" aber wirklich zu einem sehenswerten Film macht, ist der visuelle Stil, den Ergüven zusammen mit ihren Kameramännern Ersin Gok und David Chizallet entwickelt. Mit weichem Licht filmen sie die Mädchen, erzählen die Geschichte in flirrenden Farben, die oft etwas Unwirkliches, Märchenhaftes haben. Sicher nicht zufällig fühlt man sich oft an die Filme von Sofia Coppola erinnert, besonders an den auch thematisch ähnlichen "The Virgin Suicides". Durch das Überhöhen einer im Ansatz realistischen Geschichte in das Reich der Phantasie bekommt "Mustang" seinen besonderen Reiz, erzeugt er einen mitreißenden Sog, der auch das versöhnliche Ende konsequent erscheinen lässt.


Michael Meyns