MEINE COUSINE RACHEL


FILMKRITIK:
„Tat sie es? Oder tat sie es nicht?“ - diese Frage stellt der junge Held Philip sich (und den Zuschauern!) gleich zu Beginn. Sein Onkel Ambrose, der dem Waisenknaben einst ein liebevoller Vaterersatz war, hat überraschend die entfernte Verwandte Rachel geheiratet. Seinen euphorischen Briefe, die von großer Liebe schwärmen, folgen bald besorgniserregende Nachrichten. Der Onkel fühlt sich von Gattin Rachel bedroht, verdächtigt sie gar finsterer Mordpläne. Aufgeschreckt bricht Philip zum Besuch nach Italien auf. Bei seiner Ankunft auf dem luxuriösen Anwesen von Ambrose trifft er nur einen zwielichtigen Anwalt an. Der Besitzer sei verschieden, die junge Witwe abgereist, der Totenschein völlig unverdächtig, bekommt der junge Brite zu hören.


Zurück in der Heimat, erfährt Philip, dass er zum Alleinerben gekürt wird, weil Rachel im Testament nicht erwähnt ist. Noch größer gerät die Überraschung, als die Witwe zu Besuch erscheint. „Ist sie dick? Hat sie ein Holzbein? Oder Warzen?” will er vom Diener erfahren. Solcher Spott ist schnell verpufft, bei der ersten Begegnung ist der 24-Jährige völlig überwältigt von der überaus attraktiven Besucherin. Die Lady lässt den naiven Lover lässig zappeln. Spontane Geldgeschenke weist sie empört zurück. Für den teuren Familienschmuck gibt’s immerhin ein kleinen Küsschen. Schließlich will der liebestolle Erbe zum Entsetzen des Nachlassverwalters seinen ganzen Besitz der Cousine überschreiben. Als die bitteren Kräutertees der Angebeteten ihm auf den Magen schlagen, erinnert sich Philip an die Briefe des Onkels. Wird auch er nun zum Opfer der vermeintlich eiskalten Cousine? Oder ist alles nur Einbildung?


Bereits anno 1952 wurde das packende Melodram erstmals auf die Leinwand gebracht und bescherte Richard Burton einen Golden Globe als Bester Nachwuchsdarsteller samt Oscar-Nominierung. Kein ganz leichtes Rollen-Erbe für den „Die Tribute von Panem“-Mimen Sam Claflin, der sich gleichwohl recht wacker schlägt als naiver Liebhaber, der gegen die Waffen einer Frau so gar keine Chancen hat. Völlig überzeugend, mittlerweile schon zuverlässige Tradition, begibt sich Rachel Weisz in die Fußstapfen von Olivia de Havilland. Mit bezaubernder Grandesse und souveräner Leichtigkeit balanciert sie mühelos zwischen missverstandenem Unschuldslamm und berechnendem Biest. In Sachen leinwandpräsenter Coolness kann die Weisz es locker mit Ehemann Daniel Craig aufnehmen.


Sein Talent für gutes Timing sowie geschliffene Dialoge hat Regisseur Roger Michell mit „Notting Hill“ bereits unter Beweis gestellt. Diesmal präsentiert er zudem visuellen Einfallsreichtum jenseits von Kostümfilm-Konfektion. Verspielt verbindet er Vorder- und Hintergrund mit Schärfen-Verstellungen, fängt mit Drohnen die malerische Küste von Cornwall ein oder lässt das turtelnde Pärchen vor fast surrealer Waldkulisse im blauen Blumenmeer zur Sache kommen - wie Rachel dieses romantische Bild kurzerhand knackt, hätte Daphne de Maurier und Hitchcock vermutlich gleichermaßen amüsiert. Bleibt zum spannenden Schluss nur die bange Frage: „Tat sie es? Oder tat sie es nicht?“


Dieter Oßwald