MARIA MAGDALENA


FILMKRITIK:

„Gott schuf dich als Mutter“, versucht der Fischer Daniel (Denis Ménochet) aus Judäa seiner Tochter eindringlich klar zu machen. Doch Maria Magdalena (Rooney Mar) wehrt ab. „Ich bin für dieses Leben nicht gemacht“, beharrt sie. Trotzdem bereitet er ihre Hochzeit mit Ephraim (Tsahi Halevi) vor. Nur ein Dämon kann seine Tochter verwirrt haben, glaubt er. Einzig durch Exorzismus ist dem beizukommen. Nach dieser gewaltsamen Prozedur flieht Maria Magdalena. Mutig folgt sie dem Prediger Jesus (Joaquin Phoenix) und schließt sich seiner Jüngerschar an. Sie schreckt nicht davor zurück mit mächtigen Männern zu streiten. Bis zum bitteren Ende steht sie Jesus bei.


Erst vor zwei Jahren wagte es der lateinamerikanische Papst Franziskus die doppeldeutige Ikonographie der Maria Magdalena zurechtzurücken. Er stellte die jahrhundertelange bewusst verzerrte Frauengestalt des Neuen Testaments den zwölf Aposteln gleich. Die Vertraute Jesu, Verkünderin seiner Auferstehung als Dirne zu stigmatisieren und aus dem Mittelpunkt des Geschehens auszusperren scheint vorbei. Ein Signal, das in der Amtskirche einem Erdbeben gleichkommt. Schließlich ist ihr Image als fußwaschende Sünderin und Prostituierte ohne Grundlage in den Evangelien.


Diesen Anstoß, der eigentlich etwas ins Rollen bringen müsste, greift „Lion“ Regisseur Garth Davis mit seinem epischen Bibeldrama erhellend auf. Seine zeitgemäße Neuinterpretation der biblischen Geschichte von Maria Magdalena gewinnt vor allem durch die Schauspielerin Rooney Mara. Mit ihrer ungeheuer, geerdeten Präsenz trägt das Filmgesicht von Stieg Larssons Hacker-Heroine Lisbeth Salander die naturalistisch karge Inszenierung. Ihre besondere Nähe zu Jesus, eindringlich verkörpert von Charakterdarsteller Joaquin Phoenix, setzt die 32jährige faszinierend in Szene.


Nicht umsonst ist der 43jährige Kalifornier bekannt dafür gerne in anspruchsvolle Rollen zu schlüpfen. Im oscarnominierten Biopic „Walk the Line“ sorgte er als Johnny Cash für Furore. Und allein mit dieser klugen Besetzung vermeidet Regisseur Davis stilsicher jede Nähe zu frömmelnden Kitsch. Schon in Pier Pasolinis „Das 1. Evangelium Matthäus“ ist Jesus nicht mehr der unnahbare Heilige, sondern ein Mensch aus der Mitte der einfachen Gesellschaft, der sich mit selbstgefälligen Priestern und hochmütigen Schriftgelehrten anlegt.


Im Gegensatz zu Mel Gibsons blutigem Bibeldrama „Die Passion Christi“, bedient sich Davis keiner fragwürdigen jüdischen Stereotypen. In keiner Sekunde reanimiert er die lange Zeit diskriminierende theologische Sicht der Juden als Gottesmörder. Zudem revidiert sein Cast endlich das eurozentristische Bild von den durchwegs weißen europäischen Jüngern und Anhängern Jesu. Der britisch-nigerianische Schauspieler Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“, „Amistad“) spielt Petrus, einen der wichtigsten Jünger Jesu. Die Kirche erhob ihn zum „Apostelfürsten“. Er rebelliert gegen die junge Frau und fühlt sich zurückgesetzt.


Selbst die Figur Judas, dargestellt von Tahar Ramin („Ein Prophet“), brandmarkt diese Interpretation der archaischen Bibelgeschichte nicht als verschlagenen Verräter. Vielmehr ist er ein junger Idealist, der die Lehre missversteht und sich enttäuscht abwendet. Somit bricht die Inszenierung dieses intelligenten Jesusfilms letztlich mit manchen Sehgewohnheiten und festgefahrenen Urteilen. Und damit trifft das intelligente Drehbuch von Helen Edmundson und Philippa Goslett in vielerlei Hinsicht den Nerv der Zeit.


Luitgard Koch