LUNA


FILMKRITIK:

Luna (Lisa Vicari), 17 Jahre alt, ist genervt. Bereits fünf Mal hat ihr Vater Jakob (Benjamin Sadler) ihr auf die Mailbox gesprochen. Dabei hatte sie doch bloß Spaß haben wollen an diesem Freitagabend – gemeinsam mit ihrer besten Freundin im Club feiern, mit Jungs flirten, trinken und tanzen. Und das, obwohl die Familie morgen in aller Herrgottsfrühe in den Wochenendurlaub fahren will, raus in die Berge, an einen idyllischen See. Doch kaum haben sie sich dort eingerichtet, spuckt ein dunkler SUV drei schwer bewaffnete Typen aus, Russen offensichtlich, und sie fackeln nicht lange. Plötzlich sind Lunas Eltern tot, ihre kleine Schwester Leni auch. Luna entkommt den Mördern nur knapp. Bei der Polizei sucht sie, völlig durchgefroren und apathisch, Schutz. Doch ausgerechnet jene freundliche Kripo-Beamtin, die das verstörte Mädchen mit zurück nach München nehmen will, entpuppt sich als skrupellose Killerin, die Luna eine Plastiktüte über den Kopf stülpt. Jetzt kommt Hamid (Carlo Ljubek) ins Spiel, ein Freund von Lunas Vater, der dem Mädchen alles erklärt: Jakob arbeitete 20 Jahre lang für den russischen Geheimdienst, bevor er zum BND wechselte. Zwei Vereine, bei denen man nicht einfach so die Mitgliedschaft kündigen kann.


Was für ein Auftakt! In seiner kompromisslosen Unbarmherzigkeit und lakonischen Grausamkeit erinnert er an den kürzlich angelaufenen Horrorfilm „Die Vierhändige“, in dem ebenfalls gleich zu Beginn die Eltern zweier Mädchen getötet wurden. Das führt zwangsläufig dazu, dass Bibiana Beglau – sie spielt Lunas Mutter – trotz ihrer Bekanntheit nur eine kurze Nebenrolle zukommt. Was beide Filme noch verbindet: Sie versuchen, den Genrefilm im deutschen Kino zu etablieren, mit neuen, frischen Ideen. „Luna“ ist, inspiriert von der authentischen Geschichte eines russischen Ehepaars, das mehr als 20 Jahre in Deutschland für den russischen Geheimdienst arbeitete, ein Agententhriller, und zwar abseits von Nazi-Verschwörungen oder Kalter-Kriegs-Paranoia zwischen CIA und KGB. Das macht durchaus Sinn, weiß man doch als „normaler“ Zuschauer viel zu wenig darüber, wie der BND funktioniert und welches Spannungspotential er für fiktive Geschichten birgt. Besonders der Kontrast zwischen der Familienidylle in schöner Natur (plus guter Beziehung zwischen Tochter und fürsorglich-strengem Vater) und den Killern (plus die von ihnen ausgelöste Gewalt) lässt einen lange nicht los. Doch spätestens mit Auftauchen der netten Polizistin, die Böses im Schilde führt, überspannt Regiedebütant Khaled Kaissar den Bogen. Das ist dann doch ein doppelter Boden, eine Verschwörung zuviel, die dem Film einiges von seiner Geradlinigkeit nehmen. Immerhin: Wie sich Lisa Vicari in der Titelrolle vom unsicheren Teenager zur selbstbewussten Frau wandelt, ist klasse gespielt. Auch Carlo Ljubek überzeugt als desillusionierter, lethargischer Beschützer, der noch einmal zum Handeln gezwungen wird. Zwei Schauspieler, die mit den kleinen Ungereimtheiten des Drehbuches versöhnen.


Michael Ranze