LA MÉLODIE - DER KLANG VON PARIS


FILMKRITIK:

Von der Konzertbühne ins Klassenzimmer: Für den Berufsmusiker Simon Daoud (Kad Merad) ein riesiger Schritt. Doch da die Karriere des 50jährigen in einer Sackgasse steckt, hat er scheinbar keine andere Wahl. In den Pariser Banlieu das Geigenspiel zu unterrichten ist nicht gerade sein Traum. Und auch seine Schüler, Kinder mit Migrationshintergrund, zeigen sich anfangs wenig begeistert. Im Ghetto ist klassische Musik nicht zuhause.


Streng versucht der Kammermusiker die rebellischen Kids trotzdem zu disziplinieren. Sein Kollege, der Lehrer Farid (Samir Guesmi), muss ihn immer wieder daran erinnern, dass er Störenfriede nicht ausschließen darf, sondern den Gemeinschaftssinn unter den Kindern fördern soll. Als er dann doch die Nerven verliert, weil ihn einer der Schüler total provoziert, kommt es beinah zum Eklat. Aber langsam erkennt Simon, dass Strenge allein nicht weiterhilft. Zudem entdeckt er in dem schüchternen Senegalesen Arnold (Alfred Reney) ein echtes Talent. Der bei seiner allein erziehenden Mutter lebende Junge erinnert ihn an die Beziehung zu seiner Tochter.


Mit seinen überzogenen musikalischen Ambitionen zerstörte er damals ihr Verhältnis. Ein Fehler, den er nicht wiederholen möchte. Umsichtig versucht er Arnold zu fördern. Wie er jedoch den großen Traum der Klasse von einem Auftritt in der Pariser Philharmonie verwirklichen soll, ist ihm ein Rätsel. Vor allem nach einem Probespiel, das einen Desaster gleicht. Als dann auch noch der Probenraum ausbrennt und Simon eine neuer, lukrativer Auftritt winkt, heißt es sich zu entscheiden.


Der französische Komödienstar Kad Merad überzeugt nach seinen überwältigenden Erfolg „Willkommen bei den Scht´tis“ als sensibler Musiker, der die nuancierten schauspielerischen Töne perfekt beherrscht. Der Sohn einer französischen Mutter und eines algerischen Vaters weiß um Ausgrenzung. Nicht umsonst kürzte der 53jährige seinen algerischen Namen Kaddour ab. Denn auch wenn eine große Community an arabisch-stämmigen Franzosen existiert, zumeist aus Marokko und Algerien, ist der Migrationshintergrund ebenso wie eine Adresse in den Banlieues eines der Haupthindernisse, um Arbeit oder Anerkennung zu finden.


Das optimistische, warmherzige Drama von Regisseur Rachid Hami erinnert an den Oscar nominierten, charmant nostalgischen Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, der mit über acht Millionen französischen und einer Million deutschen Zuschauern völlig unerwartet zum Blockbuster avancierte. Als modernes Großstadtmärchen überrascht Hamis Spielfilmdebüt jedoch nicht zuletzt mit talentierten jungen Darstellern, die selbst ihre emotionalen Szenen mit Bravour meistern.


Vor allem Alfred Renely, der zum ersten Mal vor der Kamera steht, ist eine Entdeckung. Er spielt den unterprivilegierten Jungen mit seltener Hingabe. Welche unerschöpfliche Macht und integrative Kraft die Schönheit der Musik freilich im echten Leben entfaltet, wenn sie sich mit sozialem Engagement verbindet zeigt „El Sistema“. Beseelt von der Vision einer besseren Zukunft für Ausgegrenzte gründete der alternative Nobelpreisträger José Antonio Abreu vor 30 Jahren in Venezuela ein landesweites Netzwerk von Musikzentren aus Kinder- und Jugendorchestern.


Luitgard Koch