GRACE JONES: BLOODLIGHT AND BAMI - DAS LEBEN EINER IKONE


FILMKRITIK:

„Never stop the Action...keep it up“ singt Grace Jones in ihrem wohl bekanntesten Song „Slave to the Rhythm“, den sie ganz am Anfang dieses dokumentarischen Porträts singt. Niemals aufhören, niemals nachlassen scheint auch das Motte der inzwischen 69jährigen Jones zu sein, die je nach Licht und Make Up gut 20, 30 Jahre jünger aussieht – und das auch gerne zeigt. Auf der Bühne stolziert sie in Bustiers herum, präsentiert ihre ellenlangen Beine, die ihr einst den Weg zur Modelkarriere ebneten, in Hotelzimmern empfängt sie schon mal einen Pagen nur im Nerzmantel und lässt sich Champagner zum Frühstück einschenken.

Ganz Diva ist Jones in solchen Momenten, durch und durch Star, aber sich augenscheinlich auch bewusst, dass sie in fast jedem Moment eine Rolle spielt. Jahrelang hat Sophie Fiennes Jones begleitet, wie lange ist schwer zu sagen, denn das Endergebnis ist bewusst vage was den Zeitrahmen angeht, man könnte auch sagen: Er ist so zeitlos wie Jones selbst.

Im Oeuvre von Sophie Fiennes ist dies eine dritte, im weitesten Sinne biographische Arbeit, in denen sie jedoch jeweils unterschiedliche Ansätze wählt. Ihre beiden Filme über und mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek beschrieben dessen Überlegungen zum Thema Kino und Voyeurismus, ihr Film „Over your Cities Grass will Grow“ zeigte Anselm Kiefer bei der Arbeit und einem langen Interview, das allerdings nicht Fiennes selbst führte. Und auch hier verzichtet die irische Regisseurin auf viele der typischen Merkmale eines biographischen Films, zeigt keine Talking Heads mit Freunden und Wegbegleitern des Porträtierten, verzichtet auf einen Kommentar oder Texteinblendungen, um biographische Einzelheiten zu erwähnen, ohnehin darf man hier nicht erwarten, Informationen über Grace Jones zu erfahren, die auch im entsprechenden Wikipedia-Artikel zu finden sind.

Man mag diese lose, mäandernde Struktur unbefriedigend finden, den bewusst zurückhaltenden Stil Fiennes kritisieren, die stets nur beobachtet, auch nie aus dem Off mit Jones spricht. Deutlich wird im Lauf der zwei Stunden allerdings, dass Jones Fiennes offensichtlich zutiefst vertraut hat, sie nicht nur in ihre Hotelsuiten in aller Welt einlud, sie dabei auch an emotionalen Ausbrüchen teilhaben lies, sondern auch auf Reisen in ihre jamaikanische Heimat. Dort findet Jones – wenn man das bei ihr überhaupt sagen kann – zur Ruhe, verbringt Zeit mit ihrer Mutter, ihrem Sohn und anderen Verwandten, geht nahtlos vom hochgestochenen Englisch in das Patois Jamaikas über und spricht freimütig über die Erlebnisse ihrer Kindheit, die sie prägten. Doch auch in solchen fast schon intimen Momenten wird Fiennes Film nie voyeuristisch, bewahrt sie stets eine gewisse Distanz zu Jones.

Kommt sie ihrem Subjekt also wirklich nah? Auch am Ende der gut zwei Stunden von „Grace Jones: Bloodlight and Bami – Das Leben einer Ikone“ bleibt Jones in gewisser Weise ein Rätsel, bleibt die enigmatische Diva, von der man nicht wirklich weiß, ob sie eher bei ihren extrem stilisierten, durch exzentrische Kostüme geprägten Bühnenauftritten in eine andere Rolle schlüpft, oder abseits der Bühne, wo sie sich allerdings meist kaum weniger exzentrisch kleidet. Eine eindeutige Antwort auf die Frage, wer Grace Jones ist, darf man von Sophie Fiennes Film also nicht erwarten und genau das macht ihn so vielschichtig und eindrucksvoll.

Michael Meyns