EIN PROPHET


FILMKRITIK:

Es wäre sehr interessant zu wissen, was Michel Foucault, so er denn noch leben würde, zu diesem Film zu sagen hätte. Man darf davon ausgehen, dass Regisseur und Autor Jacques Audiard bei der Arbeit an seinem Film Foucaults „Überwachen und Strafen“ – die berühmte Studie des französischen Philosophen über die Genese des Gefängnissystems – im Kopf hatte. Denn darum geht es in „Ein Prophet“: Über das Wesen des Gefängnisses, in das ein relativ unbescholtener junger Mann hineingeworfen wird und sechs Jahre später als gehärteter, erfahrener Gangster hinauskommt.

Natürlich ist die Hauptfigur Malik El Djebena am Anfang nicht unschuldig. Was genau er getan hat bleibt ebenso offen wie weite Teile seines Hintergrunds. Narben im Gesicht, lange Striemen auf dem Rücken, die beiläufige Erwähnung einer Kindheit im Heim lassen nur ahnen, was Malik schon alles hinter sich hat, bevor er im Gefängnis landet. Dieses Spezielle wird weitestgehend von einem korsischen Mafiapaten namens Caeser Luciano beherrscht, der Malik gleich für einen Rachemord „auserwählt.“ Und kaum im Gefängnis angekommen, sieht sich Malik vor der Entscheidung, die sein Leben bestimmen wird. Aber ist es wirklich eine Entscheidung? Töten oder getötet werden, das ist seine Wahl und Malik entscheidet sich wie so viele in vergleichbaren Situationen fürs Töten.

Fortan steht er unter dem Schutz des Korsen, wird zum Laufburschen, später zum Vertrauten, der auf Freigängen die schleppenden Geschäfte am Leben hält. Dabei kommt Malik zu gute, dass er zwischen den einzelnen Fraktionen des Gefängnis wechseln kann. Als Franzose arabischer Herkunft, der später auch noch italienisch lernt, kommuniziert er sowohl mit den Korsen, als auch mit den zahlreichen Arabern, die zunehmend die Mehrheit und damit die Macht im Gefängnis an sich reißen. Denn von der Macht des Staates ist kaum etwas zu spüren, Gefängniswärter, Bewährungshelfer, jegliche Form der Resozialisierung verblasst hinter den Einflussmöglichkeiten Caesers.

Doch mit zunehmender Erfahrung, die sich in einem schleichenden Wandel des Aussehens, vor allem aber der Körpersprache Maliks zeigt, beginnt Malik für sich selbst zu denken und zu handeln. Er nimmt die Fäden selbst in die Hand, knüpft Kontakte und entwickelt sich vom Kleinganoven zu einem die Gesellschaft komplett unterminierendem Subjekt.

Am Ende muss man Malik wohl als Produkt des Systems sehen, dass sich nicht um seine Gefangenen kümmert. Ob Audiard Malik als Opfer betrachtet oder seine Stärke bewundert, bleibt dabei offen. Man kann dem Film diese unbestimmte Haltung vorwerfen, die mit immer wieder eingestreuten religiösen Konnotationen bisweilen so wirkt, als würde sie Malik tatsächlich überhöhen, in die Nähe eines Propheten setzen, der aus dem Elend zu persönlicher Stärke findet. Ebenso vage sind mögliche gesellschaftskritische Ansätze, die eher unter der Genregeschichte verborgen bleiben als wirklich im Vordergrund zu stehen. Worin allerdings auch die Stärke von „Ein Prophet“ liegt. Audiard predigt nicht, will nicht überdeutlich auf Missstände im Gefängniswesen hinweisen, sondern zeigt einen Teil der Gesellschaft einfach wie er ist. Dass er sich dabei aber auch nicht in einen scheinbaren Realismus flüchtet, sondern bewusst mit den Strukturen des Gefängnisfilm-Genres arbeitet, Maliks Geschichte zudem mit einigen mystisch-fantastischen Momenten überhöht, macht „Ein Prophet“ so zu einem faszinierendem Film. Brutal, schonungslos und enorm mitreißend.

Michael Meyns