DINKY SINKY


FILMKRITIK:

„Frida ist die nächste!“ kichert das Frauen-Kränzchen aufmunternd beim Kindergeburtstag. Bei allen Freundinnen hat sich der Wunsch nach Nachwuchs längst erfüllt, nur Frida bleibt ein Baby bislang verwehrt. Sie ist ein klassischer Dinky (englisches Akronym für „Double Income, No Kids Yet“), also Doppelverdiener, die noch keine Kinder haben. Wie der Titel unheilsvoll andeutet, bietet das Schicksal auch die Variante Sinky, in der nur noch ein Single-Einkommen verfügbar ist.

Eigentlich führt die smarte, attraktive Heldin, Mitte 30, ein ziemlich zufriedenes Leben. Verständnisvoller Partner. Erfüllender Beruf als Sportlehrerin. Schöne Wohnung. Nette Freundinnen. Sowie eine lebenslustige Mutter. Zum perfekten Glück fehlt Frida nur noch eines: Das eigene Kind. Doch weder die sorgfältige Eisprung-Planung noch der spontane Quickie in der morgendlichen Dusche bringt den gewünschten Erfolg. „Nach zwei Jahren hätte es klappen müssen!“ zieht der Gynäkologe Bilanz und schlägt medizinische Maßnahmen vor. Die Idee mit der Kinderwunschklinik findet der Freund von Frida allerdings gar nicht toll. Auch auf den überraschenden Heiratsantrag reagiert Tobias zögerlich – und macht sich lieber ganz aus dem Staub. Erst nur ein paar Nächte. Dann für immer. So schnell kann der Absturz in die ungeliebte Sinky-Liga gehen!

Mehr Erfolg mit der Liebe hat Fridas verwitwete Mama Brigitte. Sie hat auf einem Dating-Portal schnell ihren Hartmut gefunden. „Bist du überhaupt verbeamtet?“ will der Stiefvater in spe von der Lehrerin wissen. Auch sonst entpuppt sich Hartmut eher als angeberischer Rechthaber und eitler Schwätzer. Aber alles egal, Hauptsache Brigitte ist glücklich. Das Modell Mama macht Mut. Prompt plant die Tochter gleichfalls eine Flirt-Offensive. Die Männer-Ernte bleibt bescheiden. Der erste Kandidat ein eitler Gockel. Der zweite Streich ein Jurist. „Das Steuerrecht kann sehr spannend sein“, versichert er. Viel Rotwein lockert die Lage immerhin. Zum Morgen kommt es allerdings gar nicht erst. Bliebe noch der hübsche Bruder der besten Freundin. Aber Softie Alex spielt am Strand lieber mit dem Patenkind als auf verzweifelte Anmachversuche zu reagieren.

Als wären Liebeskummer samt unerfülltem Babywunsch und der tickenden biologischen Uhr nicht schon schlimm genug, sieht sich die bislang beliebte Sportlehrerin mit einer miesen Mobbing-Kampagne an ihrer Schule konfrontiert. „Wenn sich der Schuldige nicht meldet, bekommt ihr alle eine 6!“ reagiert die Pädagogin pampig. Der große Wirbel der entsetzten Helikopter-Eltern lässt da nicht lange auf sich warten. Fehlt nur noch, dass der Ex mit neuer Freundin bei einer Party auftaucht.

Mareille Klein inszenierte ihr Spielfilm-Debüt nach eigenem Drehbuch und erweist sich in beiden Feldern als überzeugendes Talent. Der „kleine“ Diplomfilm von der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film dürfte großes Publikumspotenzial haben: Immerhin sollen in Deutschland rund 1,4 Millionen Menschen ungewollt kinderlos sein. Sind wir nicht alle ein bisschen Frida? mögen sich manche Betroffene fragen. „Die Hauptfigur ist in erster Linie nicht deshalb unglücklich, weil sie kein Kind hat, sondern weil sie sich auf die Idee eines Kindes fixiert“, erläutert die Regisseurin ihr Konzept. Mit genauer Beobachtung, gut entwickelten Figuren sowie dem richtigen Gespür für Timing entsteht eine köstliche Komödie, die mit wunderbarer Leichtigkeit von existenziellen Sorgen erzählt.

Was Verzweiflung, Verletzlichkeit sowie die Nehmerqualitäten von Stehauf-Frauchen Frida anlangt, fühlt man sich nicht selten an die Ines von „Toni Erdmann“ erinnert. Nicht zuletzt deshalb, weil Hauptdarstellerin Katrin Röver mit der leinwandpräsenten Mischung aus äußerer Bockigkeit und innerer Sensibilität wie eine Soul-Sister von Sandra Hüller wirkt. Wie die Regisseurin gibt auch die Schauspielerin des Münchner Residenz-Theaters hier ihr Kino-Debüt. Chapeau!

Dieter Oßwald