| DIE FREMDE | |
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Züli Aladag, die „Berliner Zeitung“ hat Sie einmal gefragt, ob Sie „ein deutscher Türke oder kurdischstämmiger Deutscher“ sind oder „ein Stuttgarter mit Migrationshintergrund oder einfach Wahlberliner“? Haben Sie Ihren Platz gefunden? Züli Aladag: Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis wir alle nicht mehr mit diesen Begriffen herumlavieren müssen, bis ein in Deutschland geborener Einwanderer einfach nur als „Deutscher“ bezeichnet wird. Je dunkler die Hautfarbe, je fremder die Ursprungskultur, um so schwerer fällt es den Deutschen, Einwanderer als Deutsche anzuerkennen. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass der polnischstämmige, von mir sehr geschätzte und begabte Fußballspieler Lukas Podolski von einem Sportkommentator „der Deutsch-Pole“ genannt wurde. Das gleiche gilt für Miroslav Klose, der ebenso polnischer Abstammung ist. Auf Spieler türkischer Abstammung wird häufig ein anderer Terminus angewandt. Mich jedenfalls nervt es, wenn Kommentatoren von Bundesliga-Spielen in Deutschland geborene türkische Spieler nicht allein mit ihrem Namen benennen, sondern häufig mit „der Türke...“. Natürlich ist Türke allein keine schlimme Bezeichnung, der Sprachgebrauch bringt aber eine Haltung zum Ausdruck. Was mich angeht, so habe ich meinen Platz schon längst gefunden. Ich lebe seit meinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Ich bin seit 20 Jahren deutscher Staatsbürger und habe kurdisch-türkische Wurzeln. Mein Deutsch ist muttersprachlich und meine Muttersprache leider schlechter als mein Französisch. Ich wurde im Schwabenland sozialisiert, habe lange in München und Köln gelebt und bin jetzt ein Berliner. Ich bin sicher deutscher, als türkisch oder kurdisch und nehme mir das Recht heraus, aus beiden Kulturen das Beste herauszufiltern. Im Jahr 2008 ist Einwanderung in Deutschland zu einem Stück Lebenswirklichkeit geworden. Internationaler Kulturaustausch findet jeden Tag auf der Straße statt. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich nach Ihrer Meinung für Deutschland aus dem Zusammenleben verschiedener Kulturen? Züli Aladag: Von einer kulturellen Vielfalt kann jede Gesellschaft profitieren. Das zeigen uns klassische Einwanderungsländer wie die USA oder Kanada. In der zweiten und dritten Generation unter den Einwanderern in Deutschland gibt es bereits eine große Zahl von durchaus gut integrierten Menschen, die ihre Bildungschancen nutzen und in vielen gesellschaftlichen und beruflichen Sparten zu finden sind. Einwanderer bringen neben der Arbeitskraft, von der die Wirtschaft ohnehin profitiert, auch eine Dynamik im Hinblick auf sozialen Aufstieg mit. Unter türkischen Einwanderern finden sich viele Selbstständige, die nicht nur im Einzelhandel mit Döner- oder Gemüseläden tätig sind. Türkische Unternehmer in Deutschland setzen jährlich 30 Milliarden Euro um und beschäftigen ca. 250.000 Menschen. Auch ihre Verbindungen zu ihrem Heimatland beflügeln den ökonomischen Austausch. Die meist kinderreicheren Einwanderer werden einen wachsenden Teil der jungen Generationen in Deutschland stellen. Von der Energie und dem Potenzial dieser zunehmend ethnisch gemischten Jugend wird Deutschland profitieren. Aber nur, wenn wir es verstehen, diese demografische Entwicklung auch positiv zu nutzen und die Entwicklung der jungen Einwanderer in bildungspolitischer und beruflicher Hinsicht fördern. Die Einstellung der Deutschen zu ihren Migranten ist zwar während der letzten Jahrzehnte positiver geworden, man hat sich an die Einwanderer gewöhnt, aber grundsätzlich wird Einwanderung in Deutschland immer noch als Belastung wahrgenommen und das positive Potenzial wird unterschätzt. Die große Herausforderung ist sicher die Integration der Muslime mit ihren unterschiedlichen Konfessionen. Die Diskussionen um Moscheebauten überall in Deutschland zeigen, wie schwierig und langsam deren Integration vonstatten gehen wird. Der Islam und die Muslime werden von vielen Deutschen immer noch als befremdlich wahrgenommen. Seit dem 11. September 2001 ist die Furcht vor islamischem Extremismus weltweit gewachsen und auch in Deutschland gibt es Extremisten, die kein Interesse an einem gesellschaftlichen Frieden haben und die Kluft zwischen der nach westlichen Werten lebenden Mehrheit und den Muslimen vertiefen möchten. Eine Gefahr ist die Herausbildung einer allzu großen sozialen Unterschicht unter den Einwanderern. Mangelnde Bildung und Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt führen schon jetzt zu einer großen Frustration unter den jungen Einwanderern der dritten Generation. Eine Frustration, die in Abschottung, Kriminalität und Gewalttätigkeit münden kann. In den Ballungszentren mit hohem Migrantenanteil kann man diese explosive Entwicklung beobachten. Welche Länder haben in ihren Augen „Vorbildcharakter“ beim Umgang mit der Integration von Migranten? Züli Aladag: Zweifelsohne sind das die nordamerikanischen, klassischen Einwanderungsländer USA und Kanada, von denen man lernen kann. Auch dort gibt es natürlich große soziale Unterschiede, aber grundsätzlich basieren diese Länder auf einer Mischkultur und haben dennoch eine nationale Identität. Man kann es aber auch besser machen, als diese Länder und von deren Fehlern lernen. Gerade in Hinblick auf den Umgang der USA mit seinen schwarzen und hispanischen Bevölkerungsteilen, die trotz vieler Veränderungen und Verbesserungen immer noch unter Benachteiligung und Rassismus leiden. Die vielen Ghettos, in denen sie leben, sollten uns ein warnendes und abschreckendes Beispiel sein. Kanada ist sicherlich noch progressiver und liberaler im Hinblick auf seine Einwanderungspolitik. Von den Erfahrungen kanadischer Politiker können wir Europäer sicher einiges lernen. Beim Transatlantic Forum 2007 in Boston hörten wir einen sehr interessanten und erhellenden Vortrag von Sergio Marchi, dem ehemaligen kanadischen Minister für „Citizenship and Immigration“. Die Weitsichtigkeit eines Politikers wie Sergio Marchi beim Thema Integration von Minderheiten vermisse ich in Deutschland. Aber immerhin gibt es auch in Deutschland bereits die ersten Integrationsminister. Minister Armin Laschet aus NRW ist ein sehr gutes Beispiel für neue, progressivere Ansätze bei der Einwanderungs- und Integrationspolitik. Der Ernst der Lage wurde erkannt. Ihr Integrationsdrama „Wut“ schlug bereits vor der Erstausstrahlung 2006 Wellen. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ kritisierte, der Film mache den Zuschauer „zum Komplizen des Hasses auf einen Fremden“. Konnten Sie diesen Standpunkt nachvollziehen? Züli Aladag: Nein, natürlich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, woher dieser sehr emotionale Beitrag des Spiegel Redakteurs Nikolaus von Festenberg herrührt. Der Film bringt einen an die Grenzen der eigenen Toleranz. Stellt die Wahrhaftigkeit unserer Toleranz sogar in Frage. Auch die Toleranz der 68er und der Post 68er, die sich für besonders tolerant halten. Sicher ist der Film auch „krass“ (wie es Can (Dschan) in Wut sagen würde) in seiner Darstellung und steuert bewusst auf die Extreme zu. Meine Erfahrung der öffentlichen Rezeption des Films war überwiegend positiv. Der Film hat viele Menschen auf die eine oder andere Art getroffen und zum Nachdenken und Diskutieren gebracht. Er hat Gefühle kanalisiert, die ohnehin schon da waren. Der Film hat Wut und Ängste ausgelöst. Unser Verhältnis zum „Fremden“ hinterfragt. Ich habe mich um eine schonungslose Darstellung sowohl des türkischen, als auch des deutschen Milieus bemüht und gleichzeitig versucht, auch Verständnis für beide Seiten zu vermitteln. Auch für die Verzweiflung und die Wut von Can. Mit den meisten Reaktionen habe ich gerechnet. Ich wusste auch, dass die türkische Gemeinde den Film mehrheitlich ablehnen würde. Aber die breite Diskussion des Films hat gezeigt, wie groß der Gesprächsbedarf beim Thema Integration ist und mit welchen Vorurteilen wir es immer noch zu tun haben. Kaum ein Medium hat größeren Einfluss auf die Gesellschaft als das Fernsehen. Ohne das Fernsehen, so mancher Medienforscher, kann unsere Gesellschaft Prozesse wie die Integration von Migranten nicht bewältigen. Wo sehen Sie in dieser Hinsicht die Verantwortung von Film und Fernsehen? Züli Aladag: Ich sehe die Verantwortung von Film und Fernsehen darin, dass die Medien sich um ein ausgewogenes, klischeeloses, aber auch ehrliches und tabuloses Bild der Einwanderer in Deutschland bemühen. Einwanderung ist inzwischen ein Stück weit auch Normalität geworden und nicht alle Einwanderer haben Probleme mit ihrer Integration, insofern müssen wir so schnell wie möglich in fiktionalen Formaten, aber auch im Dokumentarfilm etc., dieser Normalität Rechnung tragen und Geschichten erzählen, in denen Einwanderer universelle Geschichten erleben. Filme, in denen es um spezifische Charaktere geht, die auch Einwanderer sein können. Charaktere, die nicht mit einem ethnischen Stigma durch einen Film laufen müssen. Wo liegt nach Ihrer Meinung die Verantwortung der heutigen Jugend sowohl der Kinder mit Migrationshintergrund, als auch der Deutschen bei der Integrationsproblematik? Was können junge Menschen tun, um ein Horrorszenario wie das in „Wut“ zu vermeiden? Züli Aladag: Junge Menschen werden in eine Gesellschaft hineingeboren, durchlaufen eine familäre und schulische Sozialisation. Insofern ist es meines Erachtens die Verantwortung der Erwachsenen, von Gesellschaft und Politik, die Heranwachsenden zu begleiten, allen gute Bildungschancen zu bieten, die Toleranz und Konfliktfähigkeit von Jugendlichen zu fördern und der Integration von jugendlichen Migranten ein besonderes Augenmerk zukommen zu lassen. Der Grimme-Preis 2007 wurde gleich an drei Personen mit orientalischem Hintergrund verliehen unter anderem an Sie für Ihre Regiearbeit bei „Wut“. Gibt es in Ihren Augen herausragende deutsche Regiebeiträge zum Thema Integration und Jugendgewalt, oder haben Kreative mit Ihrem Hintergrund die authentischere Sichtweise? Züli Aladag: Jeder Filmschaffende darf sich m.E. ohnehin mit jedem Thema seiner Wahl auseinander setzen, unabhängig von seiner Herkunft. Hier darf es weder Regeln noch Tabus geben. Gute Filme erzählen letzten Endes universelle Geschichten und viele Filmemacher bemühen sich jedenfalls um Authentizität. Umgekehrt wäre es ja auch merkwürdig, wenn ich z.B. als Einwanderer keinen Film über die deutsche Geschichte oder über Schiller und Goethe machen dürfte, nur weil ich in der Türkei geboren bin. Es gibt selbstverständlich auch Filme von Kollegen mit ausschließlich deutschem Hintergrund, die ernst zu nehmen sind. „Knallhart“ von Detlef Buck ist so ein Beispiel. Jeder macht das auf seine Art. Bei einem Stoff wie „Wut“ halfen mir natürlich die eigene Biografie, Sprach- und Kulturkenntnisse, mich mit dem Stoff aus einer anderen Perspektive auseinander zu setzen. Aufgrund meines türkischen Hintergrunds konnte ich mich z.B. gut in die Figur des Can in Wut hineinversetzen, obwohl ich selbst vollkommen anders sozialisiert worden bin. Aber genau so wie Can kenne ich auch die deutsche Akademikerfamilie aus eigener Erfahrung. Für das deutsche Fernsehen sind die hier lebenden über 2,5 Millionen Türken eine neue attraktive Zielgruppe. Formate wie „Türkisch für Anfänger“ gehen in die dritte Staffel. Vermitteln solche Formate ein zu eindimensionales Bild der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland oder bewirken sie im Gegenteil einen entkrampften Umgang der Kulturen? Züli Aladag: Solche Formate tragen mit Sicherheit zur Entkrampfung und Entspannung bei. Wenn Vorurteile und Stereotypen in Comedy Formaten auf die Schippe genommen werden, dann hat das etwas Entwaffnendes, Dechiffrierendes für Deutsche, wie für Einwanderer. „Türkisch für Anfänger“ ist da genauso hilfreich, wie Kaya Yanar oder Django Asül. Wichtig ist nur, dass die Medien in der Viefalt ihrer Formate ein differenziertes Bild der Einwanderer zeichnen. Es handelt sich bei 2,5 Mio Türken in Deutschland ja nicht um eine homogene Gruppe mit einheitlichem soziokulturellem Profil. Zum Abschluss eine Frage in eigener Sache: Die BMW Stiftung will weltweit Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft zu einem gemeinwohlorientierten Dialog zusammenbringen. Wo sehen Sie in Deutschland den größten Handlungsbedarf? Züli Aladag: In Deutschland findet dieser Dialog zum Teil auch statt. Ich habe nur den Eindruck, dass diese Diskussionen zu häufig nur in den entsprechenden parteipolitischen, verbandspolitischen und ideologischen Lagern geführt werden und nicht wirklich gesellschaftsübergreifend. Es fehlt ein wenig der Blick über den eigenen Tellerrand, über die eigenen Interessen hinaus. Gewähren Sie uns noch einen kurzen Blick in die Zukunft? Wie sehen Ihre nächsten konkreten Projekte aus? Angeblich drehen Sie einen weiteren Film mit Oktay Özdemir, dem Hauptdarsteller aus „Wut“ ein weiteres Integrationsdrama? Züli Aladag: Im Moment produzieren wir mit unserer eigenen Produktionsfirma das Regiedebüt „Die Fremde“ von Feo Aladag fürs Kino. Es ist weniger ein Integrationsdrama, als ein Film über ein sehr universelles Thema, nämlich das Recht jedes Menschen auf Selbstbestimmung. In „Die Fremde“ ist es eine junge Deutsche, türkischer Abstammung, die dieses Recht für sich einfordert. Als Regisseur und Autor arbeite ich an einem Kinostoff, in dem Oktay Özdemir leider nicht mitspielt, weil es keine passende Rolle für ihn gibt. Aber Oktay ist ein großartiges Talent, mit dem ich ganz sicher wieder arbeiten werde. Mein nächster Kinofilm ist kein Integrationsdrama, sondern einfach nur ein Drama, in dem auch Einwanderer eine Rolle spielen. Sie sind längst in Deutschland angekommen, haben Wurzeln geschlagen und müssen sich mit den existenziellen Dingen des Lebens auseinander setzen. Ihr ethnischer Kontext ist nicht mehr die Ursache von Konflikten. Weder in der Innenansicht, noch in der Interaktion mit der Mehrheitsgesellschaft. Die Charaktere sind individualisiert und können nicht als Stellvertreter der Einwanderer gedeutet werden. Es ist ein Film über Schuld und Sühne und der Zuschauer sollte nach zehn Minuten Filmzeit vergessen haben, dass manche der Protagonisten einen anderen ethnischen Hintergrund haben. Die Fragen stellte Tanja von Unger, BMW Stiftung Herbert Quandt. |
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