DER LETZTE DALAI LAMA?


FILMKRITIK:

Schon 1993 hatte der amerikanische Dokumentarfilm-Regisseur Mickey Lemle einen Film mit und über den Dalai Lama gedreht, damals war „Compassion in Exil“ einer der ersten Filme über einen Mann, der dabei war zu einem globalen Popstar zu werden. Die wachsende Beliebtheit des Dalai Lamas hing auch mit zunehmendem Interesse einer breiteren westlichen Öffentlichkeit an östlicher Spiritualität zusammen, einer Sinnsuche in Zeiten, in denen der Glaube an einen Gott, wie ihn westliche Religionen beschrieben, kleiner wurde.


Doch der Dalai Lama verstand sich nie nur als Religionsführer, sondern wurde durch die Notwendigkeit seiner Position zum politischen Führer eines Volkes, das seit Jahrzehnten von China gegängelt, oft auch unterdrückt wird. Seit 1959 lebt der Dalai Lama im indischen Exil, reist jedoch vor allem unermüdlich um die Welt, trifft Politiker und Prominente, um die Aufmerksamkeit für die tibetische Sache nicht abreißen zu lassen, um der Weltmacht China die Stirn zu bieten.


Mit welcher Gelassenheit und Güte der Dalai Lama dabei auftritt, wie er sich trotz der Gewalt, die in Tibet herrscht, immer für Frieden einsetzt, hat ihn neben dem inzwischen verstorbenen Nelson Mandela zum wohl beliebtesten Mann der letzten Jahrzehnte gemacht. Welche Begeisterung und Bewunderung ihm stets entgegenschlägt zeigt Lemle in Aufnahmen, die den Dalai Lama rund um Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag zeigen, den er im Juli 2015 feierte.


Unweigerlich stellt sich angesichts dieses hohen Alters die Frage, was nach dem Tod des 14. Dalai Lamas passieren wird. Der Tradition nach wird der Dalai Lama zwar seit dem 16. Jahrhundert wiedergeboren, doch diese Linie könnte nun zu Ende gehen, aus politischen Gründen. Da der Findungsprozess eines wiedergeborenen Lamas eine komplizierte Sache ist, deren Umstände - wenn man sie aus der Sicht eines rationalen, nicht an Reinkarnation glaubenden Menschen betrachtet - auch alles andere als zwingend sind, wird befürchtet, dass China in den Findungsprozess eingreift. Das Ziel dabei ist klar: Einen Dalai Lama zu installieren, der sich den Wünschen Chinas gemäß verhält und etwa die Autonomiebestrebungen Tibets kritisiert. Da der jetzige Dalai Lama Politiker genug ist, um diese Gefahr zu antizipieren, hat er schon vor Jahren angedeutet, dass er auf gar keinem Fall auf chinesischem Boden wiedergeboren werden wird und vielleicht sogar gar nicht.


Inwieweit es einem Lama möglich ist, Art und Ort seine Wiedergeburt zu bestimmen wäre nun eine interessante Frage, gerade auch für nicht-Buddhisten. Doch Lemle belässt es beim Aufwerfen der Frage, verzichtet auch darauf, die weitreichenden politischen Implikationen des Themas zu vertiefen. Stattdessen reißt er ebenso kurz eine ganz andere, ebenfalls spannende Frage an: Lässt sich wissenschaftlich feststellen, dass die Lehren des Buddhismus, die Gelassenheit, Güte, Mitmenschlichkeit in den Mittelpunkt stellen, tatsächlich den Geist verändern? Mit neuen Messmethoden und Experimenten gelingt es Wissenschaftlern zunehmend, dies zu bestätigen, zu zeigen, wie sich durch eine fortgesetzte Beschäftigung mit diesen Werten und vor allem durch Meditation, tatsächlich das Gehirn verändern lässt.


Schade, dass diese beiden Aspekte nur oberflächlich thematisiert werden und damit die Möglichkeit verschenkt wird, dem Wust an Dokumentation über den Dalai Lama, wirklich Neues hinzuzufügen.


Michael Meyns