BEACH RATS


FILMKRITIK:

„Ich weiß nicht, was ich will!“, antwortet Frankie (Harris Dickinson) auf die Frage nach seinen sexuellen Vorlieben. Wieder einmal ist er heimlich auf der schwulen Dating-Seite „Brooklyn Boys“ unterwegs. Vorzugsweise klickt er dort die Profile von älteren Männern an. Viel Überredungskunst bedarf es nicht, bis der Teenager zu anonymen Sex-Treffen bereit ist. Im nächtlichen Park oder in billigen Motels geht es nach ein paar Joints schnell zur Sache. Ebenso schnell sind die Begegnungen danach gleich wieder vergessen.


Mit seiner neuen Freundin Simone (Madeline Weinstein) sieht die Sache anders aus. Beim Feuerwerk am Strand sind die beiden sich begegnet. „Wie romantisch!“ schwärmt das attraktive Mädchen. „Es ist das Gegenteil von romantisch!“ entgegnet ihr Objekt der Begierde. „Dieses Feuerwerk findet hier jede Woche statt.“ Am Flirt-Erfolg ändert das jedoch nur wenig. Besonders Frankies Mutter ist glücklich, am Morgen danach endlich einmal ein Mädchen heimlich aus dem Haus laufen zu sehen. „Das ist nicht meine Freundin!“, entgegnet der 19-Jährige genervt. Das wird sie aber doch, so leicht lässt Simone ihre hübsche Liebesbeute schließlich nicht vom Haken.


So ganz uncool findet Frankie die neue Beziehung nicht, lässt sich bei seinen Kumpels sowie der kleinen Schwester damit doch prima angeben. Ganz harmonisch läuft das Liebesleben zwar nicht, „Du bist echt eine Bruchbude!“ muss er sich als Vorwurf anhören. Egal, seine Sex-Kicks kann sich der Teenager ja nach wie vor mit Klicks im schwulen Chat holen. Erst als die Gras-Vorräte zur Neige gehen, ist neues Handeln gefragt. Das jedoch bringt gravierende Probleme mit sich. Denn nun muss Frankie Flagge zeigen. Wird die Coming-of-Age-Geschichte gar zum Coming Out?


Einiges an dramaturgischem Potenzial wird von den „Strandratten“ sicher verschenkt. Was Figurenzeichnung und Konflikte anlangt, wäre weitaus mehr herauszuholen gewesen. Umgekehrt wirkt der krebskranke Vater, die überfürsorgliche Mutter oder das altkluge Kind wie die stereotype Familienaufstellung einer Seifenoper. Aber für Autorin und Regisseurin Eliza Hittman gilt als cineastisches Konzept eben vor allem die teilnehmende Beobachtung à la Gus van Sant oder Larry Clarke. Fast dokumentarisch nähert sie sich ihren Akteuren mit grobkörnigen 16mm-Bildern einer nervösen Kamera. Kaum verwunderlich, dass die Idee zum Film von einem YouTube-Video stammt. Gleichwohl überlässt Hittman bei aller scheinbaren Lässigkeit nichts dem Zufall. Für die vibrierenden Bilder sorgt Hélène Louvart, die schon „Pina” für Wim Wenders fotografierte. Ähnlich unaufdringlich gelingt mit kleinen Federstrichen die Charakterstudie des nach Orientierung suchenden Helden: Sein neidischer Blick auf den ersten Freund der kleinen Schwester. Seine Verwunderung, dass Simone lesbische Liebesbeweise sehr attraktiv findet, zwei küssende Jungs jedoch „nur schwul, und gar nicht sexy“. Oder die Überraschung, dass man sexuelle Orientierung eindeutig an der Hand ablesen kann – ein alter Witz, aber immer wieder lustig.


Als gelungener Coup erweist sich die Besetzung des all american boy Frankie mit dem Briten Harris Dickinson. Äußerlich mag der Newcomer wie ein aalglattes Modell des Mode-Labels „Abercrombie & Fitch“ wirken. Tatsächlich bietet er überzeugend ein schauspielerisches Spektrum vom grobschlächtigen Angeber über den selbstgefälligen Schwätzer bis zum emotional schwer verunsicherten Sensibelchen. Ein bisschen erinnert er damit an seinen Landsmann Eddie Redmayne – für den talentierten Mister Dickinson dürfte dieser Strandratten-Auftritt allemal zum Karrierekick geraten.


Dieter Oßwald