AVA


FILMKRITIK:

In einem Badeort an der französischen Küste spielt „Ava“. Ein unbestimmter, fast phantastischer Ort, der jedoch auch von all den Gestalten bevölkert wird, die sich im Hochsommer am Strand aalen: Unförmige Leiber, kreischende Kinder, nervtötende Verkäufer von diesem oder jenem. Wohl fühlt sich die 13jährige Ava (Noée Abita) hier nicht wirklich, ihr pubertierender Körper ist ihr ein Graus, gerade auch, weil ihre Mutter Maud (Laure Calamy) so extrem körperlich ist, neben Ava noch ein kleines Baby hat und schon mit dem nächsten, eigentlich viel zu jungem Mann anbändelt.


Ava dagegen hat noch wenig Interesse an Jungs, ihr bereitet vielmehr ihr Augenlicht Sorge. Sie leidet an retinitis pigmentosa, eine Erkrankung der Sehnerven, die dafür sorgt, dass sich ihr Blickfeld immer mehr einengt, sie nur noch einen immer kleiner werden Kreis erkennen kann, um den herum es zunehmend dunkel wird. So übt sie schon einmal das Blindsein, balanciert mit verbundenen Augen und einem Stock waghalsig über Dächer, stiehlt sich schließlich einen tiefschwarzen Hund, den sie Lupo tauft und der eine Art Blindenhund sein könnte.


Zumindest führt er sie zu seinem eigentlichen Besitzer, dem jungen Rumtreiber Juan (Juan Cano), einem Roma, der nach einer Prügelei verletzt in einem Bunker am Strand haust.


Wenn sich Ava mit ihm zusammentut, sie die Fesseln der Zivilisation ablegt, sich zunehmend unbekleidet am Strand zeigt, bald mit Matsch und Farbe angemalt wie eine Kriegerin wirkt, mag man an Filme wie Terrence Malicks „Badlands“ denken, der auf impressionistische Weise eine junge, rebellische Liebe beschwor.


Solche und andere Bezüge ziehen sich durch Léa Mysius Debütfilm „Ava“, die zusammen mit ihrem Kameramann Paul Guilhaume auch das Drehbuch schrieb, eine ungewöhnliche Kombination, die hier jedoch logisch erscheint. Denn „Ava“ ist auch und vor allem ein visueller Film, der bewusst auf 35mm Filmmaterial gedreht wurde, einem Material also, das zunehmend verschwindet und nur noch von wenigen Filmemachern hochgehalten wird. Besonders lichtstark ist dieses Material, besonders gut geeignet, Kontraste darzustellen, hell-dunkel Stimmungen einzufangen, also genau das zu zeigen, was Avas Blickfeld ist.


Dass sie nur noch immer kleiner werdenden Kreise sieht, mag man als symbolische Linse einer Kamera begreifen, das ganze, oft phantastisch anmutende Geschehen des Films als eine Phantastik, die nicht real ist, sondern mehr ein Traum. Doch solche Verbindungen, solche Metaphern drängt Mysius nicht auf, sondern deutet sie nur an, stellt sie in den Raum und überlässt es dem Zuschauer, Schlüsse zu ziehen oder auch nicht.


Man mag das für unfertig halten, für ein gewisses Zurückweichen vor dem Konkreten, einer unbefriedigenden Unbestimmtheit. Man könnte es aber auch als wunderbar offen sehen, als impressionistische Evokation eines Gefühls, der Phase der Pubertät, in der alles zu viel ist, die eigenen Emotionen unkontrolliert und unbeherrscht wirken und an ein paar Tagen im Sommer, am Strand, Dinge passieren, die vielleicht nicht real sind, aber ein ganzes Leben nachwirken.


Michael Meyns