AUFBRUCH ZUM MOND


FILMKRITIK:

Neil Armstrong (Ryan Gosling) ist ein ehemalige Navy-Pilot, der sich seit dem tragischen Tod seiner zweijährigen Tochter wie wild in die Arbeit stürzt. Er hat klar ein Ziel vor Augen: Als erster Mensch in der Geschichte will er einen Fuß auf den Mond setzen. Doch um es zu erreichen, muss er einen langen, steinigen Weg bestreiten, auf dem viele seiner Kollegen das Zeitliche segnen. Das bekommt auch seine Frau Janet (Claire Foy) mit, die sich mit anderen Astronauten-Gattinnen austauscht und dabei feststellt, wie sie nach und nach den Zugang zu ihrem Mann zu verlieren droht. Als sie ihn eines Tages mit ihrer Angst konfrontiert, Neil eines Tages nicht mehr in ihre Arme schließen zu können, steht der junge Mann vor einem innerlichen Zwiespalt. Familie oder Karriere? Doch lange kann er nicht nachdenken, denn schon bald klingelt das Telefon und am anderen Ende der Leitung unterbreitet man ihm das Angebot für einen Flug auf den Mond…


Seit Beginn seiner Karriere gilt Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle als das neue Wunderkind Hollywoods. Sein auf seinem gleichnamigen Kurzfilm basierendes Spielfilmdebüt „Whiplash“ inszenierte er mit gerade einmal 28 Jahren in nur 19 Tagen mit Weltstars wie J.K. Simmons, der dafür auch einen Oscar als bester Nebendarsteller erhielt. Auch für das nostalgische Hollywood-Musical regnete es internationale Filmpreise, während viele vergessen, dass Chazelle auch für solche Projekte wie „10 Cloverfield Lane“ oder „Der letzte Exorzismus 2“ verantwortlich zeichnete, wofür er lange vor, beziehungsweise zwischen seinen kinematografischen Heldentaten die Drehbücher verfasste. Setzt er seinen Triumpf mit seinem neuesten Projekt, der Verfilmung der Neil-Armstrong-Biographie „First Man“ fort, oder zerschlagen sich alle Hoffnungen der Kritiker, schon vor Jahren eine neue Filmlegende entdeckt zu haben? Obwohl sein Film bei der Weltpremiere in Venedig einen kleinen Prestige-Dämpfer erhielt – man hatte es doch tatsächlich gewagt, den weltberühmten Moment, als die Astronauten Armstrong und Aldrin die US-Flagge in die Mondoberfläche rammen, nicht zu bebildern. Kein Wunder: „Aufbruch zum Mond“ ist kein patriotischer Heldenfilm, sondern ein intimes Charakterporträt. Und als solches ist Chazelles neueste Arbeit ein zu gleichen Teilen erzählerisches wie audiovisuelles Meisterwerk.


Gemini und Apollo – das sind die beiden Raumfahrtprojekte, auf deren Basis schließlich der erste bemannte Mondflug geplant wurde: die Apollo-11-Mission. Doch in „Aufbruch zum Mond“ geht es nur sekundär um die Geschichte der US-amerikanischen Raumfahrt. Stattdessen steht ganz in der Tradition der von James R. Hansen verfassten Biographie das Leben der Armstrongs im Mittelpunkt. „Spotlight“-Drehbuchautor John Singer setzt direkt zu Beginn ein erzählerisches Statement: Armstrongs Tochter stirbt im Alter von zwei Jahren und bringt das bis dato so stabile Familiengefüge vollkommen aus dem Gleichgewicht. Damien Chazelles Film macht keinen Hehl daraus, dass Neil Armstrongs aufgebrachter Ehrgeiz gegenüber der Mondmission nicht aus patriotischem Bewusstsein heraus entstanden ist (dass sich ganz nebenbei auch noch der Wettstreit zwischen den Amerikanern und den Russen abspielt, wird in „Aufbruch zum Mond“ allenfalls am Rande kurz beleuchtet), sondern aus einem zutiefst emotionalem Grund, den Chazelles Stammkameramann Linus Sandgren im Schlussakt des Films bravourös einfängt – ein Kinomoment für die Ewigkeit! Ryan Gosling („The Place Beyond the Pines“) mimt den innerlich zerrissenen und zum Teil gebrochenen Raumfahrer mit aller Aufopferungsbereitschaft und nimmt schnurstracks Kurs auf seine dritte Oscar-Nominierung, während „The Crown“-Star Claire Foy zunächst nicht mehr als die liebende Ehefrau zu mimen scheint, jedoch nach und nach immer mehr für sich und ihre eigenen Ideale einsteht.


Erzählerisch ist „Aufbruch zum Mond“ ganz Familiendrama, das sich außerdem nicht scheut, die Mission auf einer weiteren, ethischen Ebene zu hinterfragen. Darf man zu Gunsten der Weltraumforschung eigentlich Menschenleben aufs Spiel setzen? In welchem Verhältnis stehen die horrenden Forschungssummen zum Nutzen für den Normalbürger? Und ist es egoistisch, sich gegen die Familie und für seine Arbeit als Astronaut zu entscheiden? All diese Elemente bringen Würze in den trotz seiner 140 Minuten Laufzeit ungemein kurzweiligen Film, der obendrein mit einer spektakulären Optik aufwarten kann. „Aufbruch zum Mond“ lässt mit seinen kristallklaren, aufs Wesentliche reduzierten Bildern Erinnerungen an „Gravity“, „2001“ und „Interstellar wach werden, während „La La Land“-Komponist Justin Hurwitz das Thema Musik als einen wesentlichen Aspekt im Film unterbringt, der oft mehr aussagt, als die durchweg auf den Punkt geschriebenen Dialoge.


Antje Wessels