AN DEN UFERN DER HEILIGEN FLÜSSE


FILMKRITIK:

Es ist das größte religiöse Fest der Welt und zieht jedes Mal bis zu 100 Millionen Hindus an: die Kumbh Mela, die für die Gläubigen wichtigste aller Pilgerreisen. Im Zentrum steht ein religiöses Waschritual, das die Teilnehmer von allen Sünden befreien und reinwaschen soll. Über eine Millionen Touristen reisen jedes Mal für das Spektakel nach Indien und auch Prominente wie Michael Douglas, Richard Gere und der Dalai Lama nahmen schon an dem monumentalen Glaubensfest teil. In vier Städten findet das Fest in regelmäßigen Abständen statt, so auch in der Millionenmetropole Allahabad. Ein Ort, an dem der Ganges und die Yamuna zusammenfließen, zwei im Hinduismus als heilig geltende Flüsse. Der indische Dokufilmer Pan Nalin („Valley of Flowers“) machte sich 2013 auf nach Allahabad und hielt die spirituellen Riten der Kumbh Mela mit seinen Kameras fest.

Gerüchten zufolge soll das Pilgerfest die einzige Menschenansammlung der Welt sein, die man vom Mond aus sehen könne. Vorstellbar ist dies allemal, wenn man die von Palin eingefangenen, beeindruckenden Bilder der Kumbh Mela betrachtet. Mit „An den Ufern der heiligen Flüsse“ schafft er es, zumindest einen ungefähren Eindruck von der ganzen Gigantomanie der Pilgerreise auf Zelluloid zu bannen und auch für diejenigen optisch erlebbar zu machen, die nicht direkt vor Ort sind. Es sind überwältigende Bilder, die die Gläubigen bei ihrer Wanderung, dem Waschritual oder Beten zeigen und vor allem auf der großen Leinwand ihre ganze Pracht entfalten. In ihren bunten Gewändern begeben sich die Menschen zu Zehntausenden in die heiligen Flüsse, um ein Bad in Unsterblichkeit zu nehmen. Von schier unmöglichen Kameraperspektiven aus, fängt Palin dieses religiöse Treiben ein.

Um in all das vor Superlativen strotzende, kolossale Ereignis eine intimere, persönliche Note zu bringen, betrachtet Palin das Schicksal einiger Teilnehmer ein wenig genauer und wagt damit einen Blick hinter die Fassade der Kumbh Mela. So lernen wir z.B. einen kleinen Jungen kennen, der seit dem Tod der Eltern Tag für Tag alleine um sein Überleben kämpfen muss und viel Anteilnahme sowie Unterstützung durch hilfsbereite Erwachsene erlebt. Oder einen Sadhu, einen hinduistischen Mönch, der seit langer Zeit fernab der Gesellschaft lebt und ein verlassenes Kind bei sich aufgenommen hat, um es großzuziehen. Palin ist mit seiner Kamera immer ganz dicht bei den Porträtierten, so z.B. auch, wenn der Mönch mit dem kleinen Jungen isst, ihn bemalt oder einfach nur herumalbert.

„An den Ufern der heiligen Flüsse“ zeigt aber auch tragische Augenblicke und schwere Schicksale, etwa wenn eine verzweifelte Mutter bei der Suche nach ihrem verloren gegangenen Sohn zu zerbrechen droht. Es sind diese intensiven Momente und Einzelschicksale abseits der Massenbewegung, die besonders berühren und den Film so zu einem nachhaltigen Erlebnis machen.

Björn Schneider